Die neuen Trinkpausen bei der Weltmeisterschaft sorgen für eine der großen Kontroversen dieses Turniers. Nun hat Hollands Kapitän Virgil van Dijk die umstrittene WM-Regel öffentlich kritisiert. Der Verteidiger ist damit der erste Star, der sich während des Turniers deutlich gegen die Neuerung positioniert.
Hintergrund: Bei dieser Weltmeisterschaft wird jede Partie unabhängig von Wetter oder Temperatur zweimal für jeweils drei Minuten unterbrochen. Nach rund 22 Minuten jeder Halbzeit bittet der Schiedsrichter die Spieler zur Trinkpause. Da während der Trinkpause die Uhr nicht gestoppt wird, soll die verstrichene Zeit als Nachspielzeit nachgeholt werden. Offiziell soll die Maßnahme dem Schutz der Profis dienen. Bei vielen Beteiligten kommt die Regel allerdings nicht gut an.
Nach dem 2:2 von Holland gegen Japan in Dallas sprach van Dijk offen über seinen Unmut. „Ich habe fast alle Spiele bis heute gesehen. Jedes Mal gehen wir in die Werbung – das gefällt mir nicht wirklich. Die Trinkpause ist auch eine Werbepause. Das ist nicht mein Ding“, sagte der Abwehrchef.
Besonders kritisch sieht er die Auswirkungen auf den Spielfluss. „Für die neutralen Zuschauer vor dem Fernseher ist das auch nicht gut“, erklärte van Dijk. Zwar könne er die Maßnahme bei extremer Hitze nachvollziehen, grundsätzlich müsse aber jedes Spiel individuell bewertet werden. „Wenn es wirklich heiß ist, kann man darüber reden. Aber meiner Meinung nach muss man jedes Spiel einzeln betrachten.“
Die Fifa verweist dagegen auf den Schutz der Spieler. „Die Unterbrechungen werden in allen Spielen vom Schiedsrichter angeordnet, um für alle Mannschaften in allen Spielen gleiche Bedingungen zu gewährleisten.“ Gerade bei dieser WM werden wegen der Austragungsorte in den USA, Mexiko und Kanada hohe Temperaturen und eine starke Belastung erwartet. Doch die Diskussionen um die Trinkpausen dürften anhalten.
Deutscher Nationalmannschaft kam die Trinkpause sehr gelegen
Julian Nagelsmann kamen sie indes im Spiel gegen Curaçao gerade recht. Nach dem überraschenden Ausgleich des Außenseiters nutzte der Bundestrainer die Unterbrechung, um sein Team neu zu ordnen. Mit Erfolg, denn bis zur Pause hatte die DFB-Elf auf 3:1 gestellt. „Da war die Trinkpause tatsächlich gut, um einfach Dinge auf der Tafel zu zeigen“, berichtete der DFB-Coach anschließend.
Das WM-Novum macht aus zwei Halbzeiten quasi ein Vier-Viertel-Format, das Amerikanern aus anderen Sportarten bestens bekannt ist. Weil die Pause nach Meinung vieler Beobachter aber zweckentfremdet wird, ist eine Debatte über die Sinnhaftigkeit entbrannt. Was spricht dafür, was dagegen?
Contra: Geldmacherei
Für die TV-Sender schaffen die Trinkpausen zusätzliche Werbemöglichkeiten, die intensiv genutzt werden. Der Vorwurf der Kritiker: reine Geldmacherei. Fox verpasste im Eröffnungsspiel sogar den Wiederanpfiff nach einem Werbeblock. Auch MagentaTV hat alle Werbeplätze in den Unterbrechungen vermarktet, wie Telekom-TV-Chef Arnim Butzen dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ sagte. Vergeben sind demnach alle 208 Werbeplätze in der Länge von bis zu 80 Sekunden während der Pausen.
Das britische TV-Netzwerk ITV erwartet die kommerziell erfolgreichste Fußballübertragung seiner Geschichte. Die Werbeeinnahmen sind laut Kelly Williams, Geschäftsführerin für den Bereich Werbung, 30 Prozent höher als bei der EM 2024. In Australien haben die Trinkpausen einen eigenen Sponsor und werden als „Maccas Match Break“ bezeichnet, finanziert von McDonald's.
Contra: Klimaanlage
Obwohl die WM in unterschiedlichen Klimazonen stattfindet, gelten die Trinkpausen überall. So sollen gleiche Bedingungen für alle Teams gewährleistet werden. Heißt aber auch: Spiele werden auch in überdachten und klimatisierten Stadien wie etwa in Atlanta unterbrochen. Beim Spiel zwischen Spanien und Kap Verde gab es dafür Pfiffe von den Rängen.
„Man sollte jedes Spiel unterschiedlich betrachten“, forderte Niederlande-Kapitän Virgil van Dijk. ARD-Experte Bastian Schweinsteiger bezeichnete die Regelung ebenfalls als „fragwürdig“. US-Coach Mauricio Pochettino würde Trinkpausen nur zulassen, „wenn die Bedingungen extrem sind“.
Contra: Stimmungskiller
Die Trinkpausen wirken sich mitunter negativ auf die Atmosphäre im Stadion aus. So stimmten die schottischen Fans gerade ihre inoffizielle WM-Hymne „No Scotland, No Party“ an, als der Schiedsrichter das Spiel unterbrach und die Dynamik auf den Rängen abrupt stoppte.
Viele Zuschauer nutzten die Pause für einen Gang zum Getränkestand oder zur Toilette. Beim Wiederanpfiff war die mitreißende Stimmung vorerst verflogen und zahlreiche Plätze noch leer. Erst nach und nach trudelten die Fans wieder ein – ähnlich wie nach einer Halbzeitpause.
Pro: Gesundheitsschutz
Die Fifa führte die Trinkpausen als Reaktion auf die große Hitze bei der Klub-WM im Vorjahr ein. „Die Fifa bekräftigt damit ihr Engagement für das Wohlbefinden der Spieler beim Turnier“, erklärte der Weltverband. Wissenschaftler hatten bei Temperaturen über 28 Grad Kühlpausen von mindestens sechs Minuten gefordert. Durch die Pausen sollen potenzielle Risiken wie Dehydrierung oder Kreislaufprobleme vermieden werden.
Als besonders herausfordernde Standorte gelten aufgrund der hohen Temperaturen und teils extremen Luftfeuchtigkeit etwa Miami und Monterrey. „Für mich geht die Gesundheit der Spieler immer vor. Hitze ist ein gutes Entscheidungskriterium“, sagte Spaniens Trainer Luis de la Fuente. Auch DFB-Kicker Kai Havertz sieht Vorteile: „In manchen Stadien wird es schon sehr heiß. Deswegen finde ich eine Trinkpause ganz gut.“
Pro: Taktikbesprechung
Die Trinkpause kommt vor allem den Trainern entgegen. Besonders dann, wenn man wie Nagelsmann nachjustieren muss. „Ich glaube, es kann gut sein, dass du etwas umstellen kannst, wenn der Trainer das durch Reinrufen nicht erreichen kann“, befand etwa DFB-Stürmer Deniz Undav. Ist es Zufall, dass etwa Brasilien, Australien, Deutschland oder Schottland kurz nach der Trinkpause ein Tor erzielten?